10 Jahre Rauzwi
Von Grabhügeln und Großsteinen: Unser Jubiläumsausflug in die Wildeshauser Geest
Anlässlich unseres zehnjährigen Vereinsjubiläums machten wir uns am 12. Juli auf den Weg, gemeinsam einen Tag zu erleben, an dem Landschaft, Geschichte und gute Gespräche auf besondere Weise zusammenfanden.
Bevor wir unser Jubiläum mit einem gemeinsamen Ausflug feierten, nahmen wir uns Zeit für das, was unseren Verein seit seiner Gründung trägt: die Menschen, die ihn aufgebaut haben.
So trafen wir uns zunächst auf unserem Freilichtgelände, dem Vicus Saxonicus, um unseres Mitte April verstorbenen Gründungsmitglieds Hans von der Aue zu gedenken.
Als Schatzmeister der ersten Stunde, verlässlicher Weggefährte und Mensch mit großem Tatendrang hat er unseren Verein entscheidend geprägt. Mit seiner besonnenen, versöhnlichen Art und seiner Zugewandtheit war er für viele von uns ein wichtiger Anker.
Wir werden Hans sehr vermissen. Doch er bleibt ein Teil unseres Vereins.
Als Zeichen unserer Verbundenheit tauften wir das höchste Gebäude unseres Freilichtgeländes feierlich auf den Namen „Bremer Speicher“. Mit Räucherwerk, Blumen und gemeinsamem Gesang erinnerten wir an einen Menschen, dessen Wirken unseren Verein bis heute prägt.
Sodann machten wir uns bei strahlendem Sommerwetter in Fahrgemeinschaften auf den Weg in die Wildeshauser Geest, eine Landschaft, in der Natur und Geschichte auf besondere Weise miteinander verwoben sind.
Gut gelaunt, der E-Bus blieb ja bekanntlich in Steyerberg, ignorierten wir die Empfehlungen des Navis ebenso wie manche wegweisenden Straßenschilder und fanden dennoch alle den Parkplatz am Pestruper Gräberfeld. Die kurze Wartezeit bis zum Eintreffen unseres Gründungsmitglieds Michael Wesemann verging wie im Flug. Schnell kamen wir mit anderen Wanderern ins launige Gespräch, war es doch mal wieder eine willkommene Gelegenheit, ein wenig Werbung für RAUZWI zu machen.
Seit diesem Jahr führt Michael Besucherinnen und Besucher für das Ur- und Frühgeschichtszentrum Wildeshausen über das Pestruper Gräberfeld. Mit ihm begann für uns eine gemeinsame Zeitreise in die späte Bronzezeit und anschließende Eisenzeit.
Zunächst galt es jedoch, die stark befahrene Straße zwischen Parkplatz und Gräberfeld zu überqueren. Angesichts des schnellen Verkehrs und fehlender Querungshilfen war dabei durchaus Aufmerksamkeit gefragt.
Am Rande der Heide angekommen, gönnten wir uns zunächst einen Moment der Stille. Vor uns lag das Pestruper Gräberfeld. Mit seinen 637 erhaltenen Grabhügeln, 16 Langbetten und 27 Buckelgräbern handelt es sich um den größten erhaltenen bronze- und eisenzeitlichen Bestattungsplatz des nördlichen Mitteleuropas. Der Blick schweift über die rund 30 Hektar große Heidelandschaft, die heute unter Naturschutz steht, eine Landschaft, die sich in ihrem Grundcharakter seit Jahrtausenden kaum verändert hat.
Gräber gehören zu den wichtigsten Informationsquellen der Archäologie. Da sie in den Boden eingetieft sind, bleiben sie über Jahrhunderte und Jahrtausende erhalten, sofern sie nicht durch landwirtschaftliche Nutzung oder andere Bodeneingriffe zerstört werden. Sie erlauben Einblicke in Bestattungssitten, Jenseitsvorstellungen, soziale Unterschiede und nicht zuletzt in das handwerkliche Können vergangener Gesellschaften.
Mit Beginn der Spätbronzezeit setzte sich in unserem Raum zunehmend die Brandbestattung durch. Der verstorbene Mensch wurde auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Anschließend legte man die Überreste in ein Tongefäß, häufig in ein gewöhnliches Kochgefäß. Die Urne wurde in einer Grabgrube beigesetzt und mit Erde und Plaggen zu einem Grabhügel aufgeschüttet.
Die Archäologie vermag den Ablauf dieser Bestattungen weitgehend zu rekonstruieren. Wie die Rituale im Einzelnen vollzogen wurden und welche Vorstellungen die Menschen mit ihnen verbanden, bleibt jedoch im Nebel der Vergangenheit verborgen. Hier beginnen die vorsichtige Interpretation und das Reflektieren. Vielleicht trennte das Feuer die Seele vom Körper. Vielleicht vollzog sich mit der Verbrennung eine materielle Umwandlung, während der aufsteigende Rauch die Seele zu den Göttern geleitete. Eine letzte Gewissheit wird es ohne eine wirkliche Zeitreise wohl niemals geben.
Im Schatten einer Eiche, auf einer Bank unter einer Birke oder auch in der prallen Sonne mitten in der Heidelandschaft entwickelten sich inspirierende Gespräche über vergangene Zeiten. So war die Führung weit mehr als die Vermittlung archäologischer Sachkenntnisse. Sie regte zum Nachdenken an und machte deutlich, dass Archäologie dort besonders lebendig wird, wo gesicherte Erkenntnisse und behutsame Interpretation miteinander ins Gespräch kommen.
So vergaßen wir beinahe die Zeit, obwohl Michael noch einen Anschlusstermin hatte. Nach der Rückkehr zum Parkplatz, einem herzlichen Dankeschön und einem „Bis zum nächsten Mal“ beschlossen wir kurzerhand, noch einen Abstecher zu den Großsteingräbern von Kleinenkneten zu unternehmen.
Nach einer zehnminütigen Autofahrt wartete das letzte Stück des Weges mit besonderen Herausforderungen auf uns. Ein Teil der Gruppe stapfte durch ein abgeerntetes Maisfeld, während die anderen darauf achten mussten, nicht von einer Feldberegnungsanlage geduscht zu werden. Angesichts der hochsommerlichen Temperaturen wäre eine kleine Abkühlung durchaus willkommen gewesen, hätte uns nicht am Abend noch ein gemeinsames Essen erwartet.
Dann lagen sie vor uns. Mächtige Findlinge, zu monumentalen Grabanlagen aufgeschichtet, errichtet von den Menschen der Trichterbecherkultur, der ersten bäuerlichen Gesellschaft Nordwestdeutschlands. Die Großsteingräber markieren den Beginn einer neuen Epoche. Sie sind steinerne Zeugnisse einer Landnahme, mit der sesshafte Bauern die norddeutsche Geest merklich veränderten und nachhaltig zu einer Kulturlandschaft formten.
Über Großsteingräber lässt sich im Volksmund eine Menge erzählen, vieles davon ist Sage, manches Mythos oder auch ideologisch verbrämter Gemeinplatz.
Wissenschaftlich betrachtet, gehören diese Großsteinmonumente zu den europaweit verbreiteten Megalithtraditionen, wobei die Verbreitung dieser Bauten entlang der Atlantik- und Nordseeküste immer noch in der Diskussion steht. Ohne an dieser Stelle zu sehr ins Detail zu gehen, bleibt festzustellen, dass die Bauten über eine große Vielfalt verfügen.
Hier bei Kleinen Kneten gibt es z.B. eine Drei-Kammer-Rarität zu bewundern, wie ein Blick auf das 34 x 6 bis 8 m große Steinskelett zeigt. Archäologen vermuten, dass zwei unterschiedlich angelegte Kammern nachträglich mit einer dritten Kammer verbunden wurden. Und dann stellt sich immer wieder die Frage, wie und warum haben sich die damaligen Menschen die Mühe gemacht, diese massiven Felsklötze zu bewegen? Doch sowohl die Bautechnik als auch die Motivation hinter diesen gewaltigen Bauleistungen geben uns bis heute Rätsel auf.
Ca. 100 Meter weiter erstreckt sich auf einer Lichtung im bewaldeten Areal, das nord-süd ausgerichtete, mit 49 m drittlängste Großsteingrab auf der Wildeshauser Geest. An der Ostseite befindet sich ein enger, niedriger Zugang, durch den sich einige aus unserer Gruppe, trotz eines Wespennestes mutig zwängten, um einen Blick ins Innere zu ergattern. Zum Glück kamen sie unbeschadet wieder heraus.
Dieses Grab wurde zwischen 1934 und 1939 untersucht und dann rekonstruiert. Insgesamt wurden mehr als 90 Findlinge und 700 m³ Erde in der Anlage verbaut. Bei der näheren Betrachtung stellten wir verwundert fest, dass die Zwickel zwischen den Umfassungssteinen mit einem Trockenmauerwerk aus Bruchsteinen ausgefüllt worden waren. Archäologie während der NS-Zeit ist immer im historischen Kontext zu betrachten, denn die Vor- und Frühgeschichte wurde damals vielfach ideologisch vereinnahmt und politisch instrumentalisiert. Diese Problematik muss man immer im Hinterkopf bewahren.
Nach so viel archäologischem Input brauchte es eine lukullische Stärkung. Also ging es weiter nach Wildeshausen in das Alte Amtshaus zum gemeinsamen Abendessen.
In idyllischem Ambiente wurden wir dort von den lauten Klängen einer Band begrüßt, die dem Publikum bereits den ganzen Nachmittag aufgespielt hatte und offenbar kein Ende finden wollte. Schon überlegten wir, ob wir ihnen den Stecker ziehen müssten, denn bei dieser Lautstärke war ein gepflegtes Gespräch kaum möglich.
Doch kaum stand das Essen auf den Tischen, kehrte überraschend Ruhe ein und wir konnten den Abend bei einem wohlschmeckenden Mahl entspannt ausklingen lassen.
Alles in allem war es ein gelungener Jubiläumsausflug durch die Wildeshauser Geest, der uns nicht nur spannende Einblicke in die Archäologie der Region schenkte, sondern auch viel Zeit für gemeinsame Erlebnisse und Gespräche ließ.
P.S. Das Waldbert-Denkmal in Wildeshausen
Der sächsische Graf Waldbert, ein Enkel Widukinds, prägte Mitte des 9. Jahrhunderts die Geschichte Wildeshausens, aber das ist eine andere Geschichte…..